Mein Blog hat Winterschlaf gehalten. Ja, ziemlich langen, tiefen, festen Schlaf. Und ich selbst vielleicht auch ein wenig. Ich hatte nicht wirklich Heimweh, aber die große Sehnsucht, dass mein Leben hier genauso sein könnte, wie zuhause. Genauso viele Freunde, immer was los, immer was zu tun, irgend ein Ereignis, ne Hausparty, ein Brunch ist immer. Ja so habe ich mir das hier gewünscht. Denn nach 2 Monaten in Lissabon kenne ich noch nicht so viele Menschen, wie ich mir das wünsche, beziehungsweise lerne mal Leute kennen, die zuverlässig sind. Aber ja es wird und jeder sagt mir immer ich bin ungeduldig. Ja, jetzt, sofort, ich will es! So bin ich nun mal und ich muss mich immer wieder damit abfinden, dass die Welt nun mal langsamer ist als mein Wille.
Es ist echt viel passiert und ich habe viel erlebt, trotz psychischem und leichtem physischem Tiefschlaf. Und so sitze ich gerade im Waschsalon, habe meine Wäsche im Trockner, eine viel zu kurze, schwarz-grau geringelte Leggings an und meinen Laptop auf dem Schoß. 30 Minuten Zeit um mal aufzuschreiben, was so passiert ist. Auf der Arbeit haben wir Zuwachs bekommen. Magdalena ist Italienerin und Deutsche, studiert in Berlin und hat sich für ein halbes Jahr in Lissabon an der Uni eingeschrieben. Eigentlich wollte sie nur einen Monat bleiben, um Portugiesisch zu lernen, aber schon nach 2 Wochen war ihr klar, dass sie länger bleiben muss. Jeder der schon mal in Lissabon war, wird verstehen warum. 😉 Also hat sie sich an der Uni eingeschrieben und spontan bei Batoto Yetu um eine Praktikumsstelle beworben. Da sie schon super portugiesisch kann, hilft sie uns bei der Arbeit mit den Kids und auch so gehen wir am Wochenende mal gemeinsam weg, ziehen durch Bairro Alto und haben Spaß.
Jeden Tag habe ich eine neue Idee und schmeiße eine andere über den Haufen
Tida und ich waren letzte Woche in Braga, im Norden von Portugal. 6 Tage l
ang hatten wir On-Arrival-Training von unserem EVS und es war wundervoll. Mit 40 anderen Freiwilligen aus ganz Portugal haben wir von morgens bis abends etwas über und für unsere Arbeit gelernt und ja, auch über uns selbst. Ich habe gelernt, dass ich ganz schön wenig weiß und es viele Dinge gibt, die ich gerne los werden würde. Das war ein bisschen frustrierend, aber so ist das Leben manchmal und so ist auch der Prozess. Der Prozess mich selbst und meinen Platz in der Welt zu finden. Jeden Tag habe ich eine neue Idee und schmeiße eine andere über den Haufen, klicke mich durch Internetseiten, auf der Suche nach Studiengängen, Praktika, Freiwilligendiensten. Mal bin ich in Portugal, England, Australien, in den Niederlanden. Jedes Mal mit dem immer wieder kehrenden Wunsch einfach eine Weltreise ohne Zeitlimit zu machen. Die Welt entdecken, Menschen und Kulturen erfahren, immer weiter gehen niemals wirklich stehen bleiben, und schon gar nicht an irgend einem Schreibtisch sitzen. Es gibt so viel zu sehen, so viele schöne Orte, warum sollte man sich diese entgehen lassen?
und genau in dieser Zeit habe ich gelernt, dass man jede Minute seines Lebens genießen soll, fühlen soll, glücklich sein soll. Das ist das Ziel
Ja, unglaubliches Fernweh macht sich in meinem Inneren breit und bei so manch einem stößt das auf Unverständnis. „Du bist doch schon im Ausland!“ Ja, aber ich will mehr. So wie es fast immer ist. Ich kann immer noch ein bisschen mehr, weiter, länger. Ich habe noch nicht genug und mein einziges momentanes Problem ist, dass Mami und Papi nicht so begeistert von der Tochter als Weltenbummlerin wären. Die Welt entdecken, das kannst du auch noch wenn du einen Abschluss hast. Und so eine Weltreise kann ich auch noch in 3, 4 Jahren machen (mit abgeschlossenem Bachelor). Aber das ist genau der Weg, wie ich nicht mehr denken wollte, nicht mehr denken kann. Später, später. Ja und dann, dann ist es zu spät. Dann kommt der Tag, an dem du feststellst, dass die Welt entdecken nicht mehr geht. Der Tag an dem genug Kraft haben, um dir die Socken selber anzuziehen schon ein Erfolg ist. Genau das habe ich schon erlebt und genau in dieser Zeit habe ich gelernt, dass man jede Minute seines Lebens genießen soll, fühlen soll, glücklich sein soll. Das ist das Ziel. Kein Abschluss. Kein Wohlstand. Ja vielleicht trägt das ganze auch zu meinem Glück bei, aber nicht jetzt. Nicht in diesem Moment.
Und während mir genau das, in eben diesem Moment wieder bewusst wird, laufen mir Tränen über die roten Wangen und draußen weht ein herrlicher, lauwarmer Herbstwind. Die Welt ist ein riesiges Buch und ich stecke noch im 2. Kapitel fest. Ich versuche weiter zu lesen, doch momentan sitze ich nur im Waschsalon über der Straße. In Lissabon. Meine Wäsche ist fertig, die 30 Minuten sind um.